WAS TUN?

Rede verfasst von Daniel Toporis 2016 und ebenso von ihm, am 26. Oktober 2016, im Zuge der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus (Veranstalter: KZ-Verband/VdA Salzburg) am Kommunalfriedhof Salzburg gehalten.

Stand: 25. Oktober 2016

 

WAS TUN?

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,
Sehr geehrte Mitglieder des KZ VERBAND SALZBURG,
Liebe Künstlerkolleginnen und Künstlerkollegen!
Sehr geehrte Damen und Herren!

wir sind heute hier zusammengekommen, um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Opfer eines völlig wahnsinnigen Krieges, der nach dem Willen seiner Urheber ein gnadenloser Rassen- und Vernichtungskrieg war und nach deren Auffassung „Kunst eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission“ war. Der Herrschaftsanspruch und der ideologische Rassenwahn der Nazis, sollte durch alle Bereiche der Kunst, bis in alle Zeit verewigt werden. Künstler der Moderne, die nicht konform mit den Werten dieser verbrecherischen politischen Ideologie waren, wurden als „Entartete“ verhöhnt und verfolgt. Einer der die größenwahnsinnigen Ziele der Nazis aktiv unterstütze und diese unter anderem in Stein meißelte, war der Bildhauer Josef Thorak.

Mein Namen ist Daniel Toporis. Ich bin Bildhauer und dem einen oder anderen unter Ihnen als Aktionskünstler bekannt. 2011 befestigte ich im Zuge einer Kunstaktion, eine Hackenkreuzbinde am linken Oberarm an der von Josef Thorak fabrizierten Großplastik KOPERNIKUS im Salzburger Mirabellgarten. Diesen Sommer (2016) wurde von mir und meinem hochgeschätztem Künstlerkollegen Wolfram Kastner, der sich heute aus terminlichen Gründen entschuldigen lässt, die Aktion ENT-THORAKEN durchgeführt.

Seit dieser Aktion wird mir von Seiten des Kulturamtes der Stadt Salzburg nicht nur der unrühmliche Titel DER THORAK-JÄGER VON SALZBURG zugeschrieben, sondern es werden auch gezielt Versuche dahingehend unternommen, mich in meiner künstlerischen Arbeit nachhaltig einzubremsen. Zuletzt zeigte sich dies, bei der von mir kuratierten Gruppenausstellung SICHERHEIT, welche in der nach Plänen von Josef Thorak errichteten Galerie Zwergerlgarten stattfand. Diese wurde aus Angst vor einem kritischen Beitrag zum Fall Thorak, vom Kulturamt einen Tag vor der Eröffnung inspiziert und wäre bei besagtem Sachverhalt abgesagt worden. – Auch für bereits zugesagte Ausstellungsmöglichkeiten in Räumlichkeiten der Stadt Salzburg im Jahr 2017, weisen die Zuständigen plötzlich Gedächtnislücken auf!

Die Aktion ENT-THORAKEN fand am 3. August diesen Jahres an zwei Schauplätzen in Salzburg statt und hatte durch eine ÜBERKLEBEAKTION, die Umbenennung der Josef-Thorak-Straße und durch eine BESCHILDERUNGSAKTION, die Kenntlichmachung des Urhebers der beiden Monumentalskulpturen PARACELSUS und KOPERNIKUS im Salzburger Mirabellgarten zum Inhalt.

Im Vorfeld der Aktion, wurde das Straßenschild in der Josef-Thorak-Straße abmontiert. Wie sich herausstellte, von der Stadt selbst. Ob dies von Seiten der Stadt ein Versuch war, die Aktion ENT-THORAKEN schon im Vorfeld zu verhindern, überlasse ich an dieser Stelle euch zu beurteilen.

ENT-THORAKEN löste eine breite gesellschaftliche und politische Debatte aus. Und anstatt sich nun endlich verantwortungsvoll dem Fall Thorak anzunehmen, hüllte sich die zuständige Stadtpolitik erneut in Schweigen und verschanzt sich bis heute hinter einer Historikerkommission, die damit beauftragt ist, zu eruieren, ob die Josef-Thorak-Staße umbenannt oder mit Schildern kommentiert werden soll.

Dass sich die zuständige Stadtpolitik, trotz langjähriger und mehrfacher Kritik, nicht bereit erklärt, der Huldigung und Ehrung dieses Nazi-Bildhauers ein Ende zu setzen, sondern er für die politisch Zuständigen ein, wie sie es nennen „zu heißes Eisen darstellt, an dem man sich nicht die Finger verbrennen will“, und bis heute weder die Josef-Thorak-Straße umbenannt ist, noch die beiden monumental Skulpturen im Salzburger Mirabellgarten mit Zusatztafeln versehen worden sind, ist ein Skandal sondergleichen!

Laut Stadtpolitik wird es zur Causa Josef-Thorak-Straße möglicherweise bis 2017 eine Entscheidung geben. Aus diesem Grund möchte ich die heutige Gedenkfeier zum Anlass nehmen, um den Fokus auf die beiden genannten Steinriesen im Salzburger Mirabellgarten zu legen, da für die Frage nach dem künftigen Umgang mit diesen, noch keine Antwort gegeben wurde.

„MEIN FÜHRER, SIE KÖNNEN ÜBERZEUGT SEIN, DASS ICH MICH WEITERHIN FLEISSIG UND MIT GANZER KRAFT FÜR DIE DEUTSCHE KUNST EINSETZEN WERDE…“ mit diesen Worten machte Thorak klar, sich und sein Werk bedingungslos als internationales Propagandamittel in den Dienst der verbrecherischen und barbarischen Hitlerdiktatur zu stellen.

Obwohl er als Lieblingsbildhauer von Hitler galt und dadurch unzählige Monumentalplastiken für das dritte Reich verwirklichen konnte, er sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten von seiner jüdischen Frau scheiden ließ um seine Karriere voranzutreiben, er an Ausstellungen wie „Deutsche Künstler und die SS“ teil nahm, er Mitglied der NSDAP war, er als künstlerischer Berater der SS-eigenen Porzellanmanufaktur Allach auf dem Gelände des KZ Dachau tätig war und dort unter anderem persönlich die KZ-Häftlinge in der Fabrik inspizierte, er für Hitler und Göbbels als so unverzichtbar galt, dass er sich auch noch in der Endphase des Zweiten Weltkriegs auf der sogenannten „Gottbegnadeten-Liste“ befand und dadurch von Wehrdienst und dem Einsatz in der Rüstungsindustrie befreit war und obwohl er bis zuletzt vom Endsieg Hitlerdeutschlands überzeugt war, gilt Thorak vielen auch heute noch, mehr als Nutznießer und Karrierist, ja sogar als Opfer der politischen Verhältnisse, denn als überzeugter Nationalsozialist.

Und auch heute noch verweisen Bewunderer seiner Werke bewusst, auf den 1948 erfolgten Freispruch des Spruchkammerverfahrens in München, oder auf die 1950 erfolgte öffentliche Rehabilitierung Thoraks durch die Präsentation seiner Werke im Salzburger Mirabellgarten, um die Rolle dieses Nazi-Bildhauers während der NS-ZEIT und seine Verstrickungen in das NS-Regime, bewusst aus dem politischen Kontext zu lösen.

Dass seit 1963 in Salzburg Aigen eine Straße nach Josef Thorak benannt ist, von offizieller Seite das Straßenschild jetzt auch noch mit einer Schutzschicht versehen und zum Schutz vor zivilem Ungehorsam hoch über den Köpfen der Bevölkerung montiert wurde, und dass seine Monumentalskulpturen nach wie vor unkommentiert im öffentlichen Raum präsentiert werden, stärkt diese Stimmen natürlich ungemein!

Die Fakten zu Josef Thorak liegen seit Jahren auf dem Tisch. Und trotz künstlerischer Interventionen im öffentlichen Raum, intensiver Forschungsarbeit und massiver Kritik einer immer breiter werdenden Front gegen Thorak, weigert sich die zuständige Stadtpolitik seit Jahren sich diesem Fall anzunehmen und schiebt ihn lieber weiter auf die lange Bank!

Die Rolle Thoraks für das NS-Regime und seine Verstrickungen in dieses, scheint der zuständigen Stadtpolitik nicht Grund genug dafür zu sein, um endlich zu handeln.

Meiner Meinung nach, dürften aufgrund der Faktenlage zu Thorak, die beiden Steinriesen im Mirabellgarten, nicht fest in den öffentlichen Raum integriert werden.

Aber wie ist nun das Werk und die Person Josef Thorak aus künstlerischer Sicht zu beurteilen? Meiner Meinung nach, verfügte Thorak über einen nicht sonderlich ausgebildeten Geschmack. Darüber hinaus schreibe ich ihm eine völlige Barbarisierung seines menschlichen Empfindungslebens zu, da er bedingungslos die grausame Weltanschauung der Nazis durch seine Werke darstellte.

Um dies zu veranschaulichen, bitte ich euch nun, euch vorzustellen, vor einem der beiden Steinriesen im Mirabellgarten zu stehen.

  • Und auch wenn es weh tut, versucht ganz genau hinzusehen.
  • Ich bin der Meinung, dass diese Werke nicht zeitlos oder geschmackvoll sind. Meiner Meinung nach sind sie auch nicht zeitlos originell oder Formvollendet.
  • Aber, und das muss ich ihnen an Qualität zusprechen, sie sind so zeitlos mittelmäßig und banal, dass sie eigentlich ganz gut in das spießbürgerliche Wohnzimmer Mirabellgarten passen.

Und so überrascht es auch nicht, dass Stimmen die die kritische Auseinandersetzung mit den beiden THORAKSCHEN KITSCHMONUMENTEN fordern, vom rechten Lager als „Linker-Gesinnungsterror“ betitelt werden.

Abgesehen der Ehrung Thoraks durch seine Bewunderer aus dem meist rechten Spektrum, wird der Name des Hitler-Günstlings auch weiterhin mit Straßenschildern, Hausnummernschildern und dem damit verbundenen Postverkehr, sowie mit der Präsentation seiner Werke im öffentlichen Raum tausendfach verbreitet und geehrt!

Also was tun? Die beiden Steinriesen stehen lassen? Sie entfernen und in Giftkammern wegsperren? Sie mit Zusatztafeln versehen?

Für mich sind diese Fragen in erster Linie Fragen meiner künstlerischen Zielsetzung. Ich will hier keine Sozialarbeit oder Pädagogik machen! Mein Ziel ist es Aufmerksamkeit zu erzeugen, um soziale Prozesse in Gang zu bringen! Und wenn ENT-THORAKEN eins zeigte, dann dass sich die meisten Menschen nicht unbedingt dafür interessierten, dass ENT-THORAKEN eine künstlerische Intervention war, sie aber ein durchaus großes Interesse daran hatten, dem Thema Thorak gegenüber nicht gleichgültig zu bleiben und sich auf die eine oder andere Art und Weise in die Debatte mit einzubringen.

Die langjährige Verweigerungshaltung der zuständigen Stadtpolitik sich kritisch dem Fall Thorak anzunehmen und der offensichtliche Unwille Dieser, sich einem bewussten Umgang mit diesem Teil der Geschichte zu öffnen, ist ein Skandal sondergleichen, der nicht nur braune Flecken hinterlässt, nein, der auch die Wunden die der Nationalsozialismus hinterlassen hat offen hält und in diese kübelweise Salz hinein streut.

Und so braucht es die zuständige Stadtpolitik auch nicht zu wundern, dass wir gegen jeden Ausblendungsversuch dieses dunklen Kapitels unserer Geschichte, mit einem lauten Aufschrei entgegentreten.

Es ist nicht genug der schrecklichen Ereignisse nur zu gedenken. Es ist vielmehr unsere Pflicht, uns mit diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte kritisch auseinanderzusetzen und entschieden gegen Rechtsextremismus, Hass und faschistische Tendenzen einzutreten. So kann meine Antwort auf die viel gestellte Frage WAS TUN? nur lauten:

Auch weiterhin der Ehrung von Nazigrößen entschieden entgegen zu treten und sich die Artefakte der NS-Zeit im öffentlichen Raum als Aktionsfelder für aktive Beteiligung gegen das Vergessen zu Nutze zu machen.

Und wenn mit der THORAKEREI endlich Schluss ist, dann ist der Weg offen, sich weitere längst überfällige Nazikünstler vorzunehmen. Und ich versichere Euch, da werden ganz andere Namen fallen!

Ich bedanke mich für die Einladung und die Möglichkeit heute vor Euch sprechen zu dürfen und schließe meine Rede mit einem Zitat des britischen Schriftstellers und Philosophen Herbert Read

„In Zeiten der Stagnation, seien sie durch Trägheit oder durch Gewaltherrschaft entstanden, kann kein Leben entstehen. Leben ist Unruhe, die durch exzentrische Einzelpersonen ausgelöst wird. Um diesem Leben zu entsprechen, muss die Gesellschaft Risiken eingehen, ja sogar ein gewisses Maß an Regelverstößen akzeptieren, wenn die Gesellschaft leben will muss sie gefährlich leben.“ (1)

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten! Mein Verständnis wächst für all die Jenen, die sich nicht mehr auf den St.-Nimmerleinstag vertrösten lassen wollen und die THORAKEREI selbst entsorgen! – Im lauten gedenken an all die jenen, die für ihren Einsatz für FREIHEIT und MENSCHENWÜRDE ihr Leben ließen, ein vielfaches:

ALERTA, ALERTA ANTIFASCISTA!

DANKE!

 

(1) Mit Stand: 03.11.2016 muss angemerkt werden, dass bei der verwendeten Übersetzung des Herbert Read-Zitats, der letzte Satz nicht sinngemäß übersetzt wurde. Das Original lautet: “In History, stagnant waters, whether they be stagnant waters of custom or those of despotism, harbour no life; life is dependent on the ripples created by a few eccentric individuals. In homage to that life and vitality, the community has to brave certain perils and must countenance a measure of heresy. One must live dangerously if one wants to live at all.”